Pflichtfach Informatik? Nein!

Die Diskussion um ein neues Pflichtfach Informatik wird derzeit öffentlich geführt und scheint ja schon in der LAG Medien/Netz der Grünen NRW ausgiebig diskutiert worden zu sein. Richard Ralfs schriebt in seinem Post ja selbst von „reflexartigen Klagerufe der heutigen Lehrer, Direktoren und Schulpolitiker, dass doch bitte nicht alles über immer neue Schulfächer und Umgestaltung von Schule/Bildung zu leisten sein. Oder gar so daneben greifende Vergleiche, für die Gesellschaft von Morgen müssten Ökonomie und Ökologie doch auch endlich Pflichtfach werden.“ Ganz genau diese Argumentationskette ist mir nämlich auch in den Sinn gekommen. Und Richard ergänzt dann: „Sorry, nein, das ist nun wirklich nicht dieselbe Ebene. Ökonomie und Ökologie durchdringen zwar unsere Gesellschaft immer mehr, dem stimme ich 100% zu. Weil diesen Themen aber keine eigene, keine grundlegend andere/neue Denke innewohnt, die dann so grundlegend unsere Gesellschaft verändern wird, wie bei der Digitalisierung, sprechen wir von der Zukunft ja nicht etwa als der Wirtschaftsgesellschaft oder der Öko-Gesellschaft. Nein. Wir sprechen von der Kommunikationsgesellschaft und ihrer Dialektik und Dynamik oder heutzutage eben von der heraufziehenden Digitalen Gesellschaft.“
Aha: Abgesehen davon, dass wir durchaus von einer immer weiter ins Detail gehenden und alle Lebensbereiche durchdringenden Ökonomisierung unserer Gesellschaft sprechen und auch die Öko-Gesellschaft so trivial selbstverständlich ist, dass wahrscheinlich aus diesem Grund nicht darüber gesprochen wird, geht es um etwas anderes. Wer ernsthaft versucht zu argumentieren, die Digitalisierung wäre aber wichtiger als Ökologie, Nachhaltigkeit oder Wirtschaft (wie ist es denn mit sozialem Denken?), steht schnell auf verlorenem Posten. Ein Streit, welches dieser Themen denn nun das wirklich-wichtigste ist, führt uns kein bisschen weiter. Gerade weil die Digitalisierung eine „neue Denke“ beinhaltet, ist ein neues Pflichtfach Informatik genau der falsche Schritt.
Progressive Bildungspolitiker*innen haben längst erkannt, dass der Ruf nach neuen Fächern für unglaublich wichtige Herausforderungen der falsche Weg sind. Wenn man mit den Wirtschaftsgurus diskutiert, muss man sich einerseits dem Ökonomie-Dogma erwehren, darum geht es hier aber nicht. Viel wichtiger ist eine andere Argumentation. Selbst wenn Ökonomie der vernachlässigte Riese ist, als den es manche Interessengruppen darstellen, ist ein neues Pflichtfach Wirtschaft der falsche Weg, genauso wie bei BNE oder Informatik. Auch die Kämpfer für eine „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE), die gerade bei uns Grünen natürlich nur offene Türen einrennen, fordern kein neues Fach BNE. Und zwar zurecht. Sie haben den Fehler nicht gemacht, ein neues BNE-Fach zu fordern, weil sie Wissen und Erfahrung im Bildungs- und Schulbereich haben. Diese Diskussion hatten wir in der LAG Schule/Bildung gerade im vergangenen Jahr ausgiebig.
Der entscheidende bildungspolitische Schritt ist der, dass gerade die grundlegend bedeutsamen, die epochalen Themen, zu denen BNE genauso wie Digitalisierung gehören (und ob Ökonomie dazu gehört, will ich hier nicht diskutieren) nicht in neuen Fächern entsorgt werden sollten. Spätestens dann würde sich nämlich ein viel zu großer Teil der Schüler*innen mit einem „das konnte ich noch nie“ (wahlweise mit „das finde ich langweilig“) verabschieden, wie es heute bei Mathematik und Physik nicht nur von Schüler*innen sehr beliebt ist, sondern auch in Talkshows eine verheerende Wirkung zeigt, wenn dies bei Prominenten oft zum guten Ton gehört. Lehrende der anderen Fächer würden die Notwendigkeit der „neuen Denke“ weniger und nicht mehr sehen.
Wenn wir ein neues Pflichtschulfach Informatik einführen würden, würde gerade die Notwendigkeit der anderen Fächer, sich auf die Veränderungen durch die Digitalisierung einzulassen, nachlassen. Lehrende könnten leichter weiter machen wie bisher. Und dieses weiter-so ist das Problem, nicht die Erkenntnis, dass es eigentlich anders gehen müsste.
Digitalisierung muss – genauso wie die Nachhaltigkeit, die offiziell zwar längst angekommen ist, von Grüns aber zurecht auch in der Realität eingefordert wird – zum Querschnittsthema, zu einem der obersten Leitmotive der schulischen Erziehung und Bildung werden. Die Nutzung digitaler Medien für sinnvolle Zwecke (und nicht nur zum Chatten und Daddeln) muss von der ersten Klasse an selbstverständlich werden, indem sie in der Schule für Bildungs- und lebenspraktische Zwecke und angewendet werden. Das „digitalisierte Denken“ muss in allen Lebensbereichen, also auch in allen Schulfächern normal werden. Dieser fächerübergreifende Ansatz ist auch einer der positiven Aspekte des zurecht hochgelobten Medienpasses. Herausforderungen müssen in allen Fächern und Bereichen auch „digital mitgedacht“ werden. Sie müssen im digitalen Sinne modelliert und sie müssen (auch) mit den digitalen Tools dargestellt werden. Digital based Creating darf nicht in der Nische des Pflichtfachs Informatik stecken bleiben, sondern muss in allen Fächern und Bildungsprojekten seine angemessene Bedeutung finden. Das ist die große Herausforderung. Wir Digitalisierungs-Denker*innen sollten uns nicht eine neue Nische im leider oft verkrusteten Schulsystem schaffen, in dem wir dann meinen, die Vorherrschaft gewinnen zu können. Wir werden dadurch nur verlieren und nicht gewinnen. Wir werden in einer Sackgasse landen.
Das Problem und die Herausforderung ist und bleibt – für Digitalisierung derzeit noch viel mehr als für Nachhaltigkeit – das Mitnehmen der Lehrer*innenschaft. Vielleicht ist die Resignation über dessen vermeintliche Unmöglichkeit der Grund für einige, besser eine Nische zu schaffen statt das ganze System in die digitale Realität zu transformieren. Schule leidet sowieso schon enorm unter der Fächerzersplitterung. Hier könnte ein Exkurs eingefügt werden, dass wir Schulen ohne Fächer oder zumindest mehr integrative Fächer wie Gesellschaftslehre oder Naturwissenschaften brauchen. Das lasse ich aber mal weg. Wir müssen daran arbeiten, dass die Lehrenden an den Schulen durchgängig stärker als bislang begreifen, dass ein Rechercheauftrag im Internet noch lange nicht ausreicht, um eine notwendige digitale Bildung zu erreichen. Dass sie selbst ihr Denken den digitalen Herausforderungen anpassen müssen. Und dass sie die Ergebnisse dieser Anpassung dann in ihren Unterrichtsalltag in allen Fächern und Bildungsprojekten einfließen lassen müssen. Das ist eine harte Herausforderung, die wir den Lehrenden aber nicht ersparen dürfen. Noch immer kommen teilweise auch Junglehrer*innen in die Schulen, die die Zeichen der digitalen Zeit noch immer nicht verstanden haben. Und diejenigen, die die Innovator*innen sein könnten, werden allzu oft von den Beharrungskräften der Schule ausgebremst. Das sind die Herausforderungen, die wir aus unserer digital orientierten Perspektive auf die Schulen richten sollten. Und nicht eine schulstrukturell rückwärtsgewandte Diskussion um ein neues Pflichtfach in der Schule – 2 oder vielleicht 3 stündig? Auf Kosten welcher anderen Fächer?
Was bleibt zu tun, außer einer öffentlich massiv vertretene Forderung, die Digitalisierung endlich auch in die Schulen zu lassen? Schulen müssen technisch besser ausgestattet werden. Ob der Staat Tablets kaufen soll oder ob man bei Preisen unter 100€ auch die Eltern in die Pflicht nehmen darf (wie bei Heften, Füllern, Klassenfahrten oder Schulbüchern), muss offen diskutiert werden. Die Diskussion um Handyverbote muss sinnvoller und von allen Seiten offener geführt werden. Die Schulen müssen eine gute Infrastruktur für Mobilgeräte bekommen (frei zugängliches WLAN in allen Schulräumen) und die völlig anachronistischen Gesetzesschranken (Störerhaftung, Urheberrechtsprobleme) müssen endlich beseitigt oder durch neue Lösungen umgangen werden. Brauchbare (und werbe- sowie abhörfreie) Tools für den Bildungsbereich müssen geschaffen werden, die entweder kostenlos oder so finanziert sein müssen, dass die Lehrenden im Alltag nicht von deren Nutzung abgehalten werden. Und parallel dazu: Aus- und Weiterbildung der Lehrenden, damit diese von den neuen technischen Möglichkeiten nicht mehr überfordert sind. Und bei den Eltern muss ebenfalls angesetzt werden, aber das ist eine noch schwierigere Thematik als bei den Lehrenden.

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld

1 Kommentar

  1. Roland Appel

    Lieber Herrmann, das mag ja stimmen, aber wie der Kind heisst, ist mir eigentlich egal: Die Lehrer sind durchgängig das Problem – sie sind weder ausgebildet, noch kompetent, Grundbegriffe des Lebens, die sich aus Datenschutz, Wissen, wie Information funktioniert, was Soziale Netzwerke können und nicht können und nicht zuletzt den Grundkompetenzen in Txtverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation und der Rolle von personendaten als Ware und Währung sind, zusammen setzen. Ich sehe es bei MINT-Schulen, bei ECDL-Schulen – immer hängen IT-Kompetenzen an einigen wenigen Lehrern und der Rest hat sich innerlich nicht folgen, benutzt aber privat ein smartphone…Für die Lehrer ist auch der Medienpass NRW schon eine Überforderung. Wo bleibt die breite, verbindliche, kritische Weiterbildung für Lehrer – die dann anschließend vielleicht in der Lage sind, informatisiertes Grundwissen fächerunabhängig zu vermitteln?? Grüße Roa

    Antworten